CHIC! Mode im 17. Jahrhundert

Zu Besuch im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Interessierst Du dich für historische Mode? Möchtest Du Geschichte hautnah erleben? Dann ist die einzigartige Sammlung im Hessischen Landesmusem Darmstadt die Antwort!

Unter dem griffigen Namen “CHIC! Mode im 17. Jahrhundert”, vermittelt die Ausstellung ein umfassendes Panorama über die Modeentwicklung eines ganzen Jahrhunderts.

Was damals “chic” war, wie Kleidungsstücke restauriert wurden, wie sich die Mode des 17. Jahrunders über Youtube bewerben lässt und viel mehr dazu erfährst Du heute auf unserem Blog.

Einblicke hinter die Kulissen bietet uns Dr. Wolfgang Glüber, der Kurator dieser Sonderaustellung.

Einfach weiterlesen und Mode diesmal anders erkunden!

1. Wie wurde diese Initiative in die Wege geleitet?

Das Museum besitzt seit 1805 eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen bürgerlicher Kleidungsstücke des 17. Jahrhunderts. Diese wurden in der Abegg-Stiftung (Schweiz) von 2003 bis 2008 umfangreich restauriert.

Grund genug, sie nach über 70 Jahren im Depot nun wieder dem Publikum in einer umfangreichen Sonderausstellung zu präsentieren.

Dunkelrotes Wams, vermutlich Köln, um 1610-1620

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Dunkelrotes Wams (Detail), vermutlich Köln, um 1610-1620

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

2. Was war „chic“ im 17. Jahrhundert?

Ungefähr alle 20 bis 25 Jahre gab es in vielen Teilen Europas im 17. Jahrhundert einen Modewechsel. Im 16. Jahrhundert war die Mode noch ganz durch die spanische Vorherrschaft bestimmt. Dies änderte sich zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Besonders die Niederländer, die einen eigenständigen, bürgerlichen Kleidungsstil bevorzugten, hatten für einige Jahrzehnte einen nicht unbeträchtlichen Einfluss. Ab den 1620er Jahren wurde Frankreich tonangebend. Immer wieder änderten sich die Schnitte, aber auch die Silhouette der Kleidungsstücke. Waren Kleidung zunächst enganliegend und extrem körpernah, so entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine lässigere, weiter geschnittene Linie. Auch die Dekoration der Kostüme (von Schlitzen über Brettchenborten bis zu Spitzenbesatz) war Veränderungen unterworfen. So konnte durchaus zwischen konservativer, altmodischer Kleidung und „chic“ unterschieden werden.

3. Welche Farbenpallette, Muster und Formen haben die damaligen Schneider bevorzugt?

Schwarz war die vorherrschende Farbe, zumindest in den von den Niederlanden beeinflussten Gebieten. Schwarz gefärbte Stoffe waren sehr teuer und galten als distinguiert. Dazu trug man als Kontrast weißes, oft spitzenbesetztes Leinenzeug, das sich sehr wirkungsvoll von dem schwarzen Grund abhob.  Es gab aber auch bunte Stoffe, z.B.  in Rot, Violett oder Grün. Diese wurden vor allem von jüngeren Menschen getragen. Feststehende Elemente der Kleidung waren für Herren das Wams, über dem verschiedene Überröcke oder Mäntel getragen werden konnten. Die Damen trugen fast bis zur Mitte des Jahrhunderts eine dreiteilige Kombination aus Rock, Mieder und Obergewand. Erst ab den 1640er Jahren entwickelte sich das zweiteilige Kostüm aus miederartigem Oberteil und oft farblich dazu passendem Rock.

Wams mit Zierknöpfen, vermutlich Köln, um 1630-1635

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

4. Worin bestand der Unterschied zwischen Damen- und Herrenmode? Was trugen die Kinder?

Die Unterschiede waren gar nicht immer so groß. Wämser wurden zum Beispiel von Damen und  Herren getragen. Bis heute ist es bei einigen erhaltenen Originalen nicht immer einfach zu bestimmen, ob sie für eine Frau oder einen Mann gefertigt wurden.  Im Gegensatz zum heutigen Crossdressing gab es jedoch einen klar definierten Unterschied: Die Damen trugen bodenlange Röcke, die Herren Hosen. Eine spezielle Kinderbekleidung existierte nicht, Kinder wurden wie Erwachsene eingekleidet. Allerdings trugen Jungs in ihren ersten Lebensjahren und solange sie unter der Obhut der weiblichen Haushaltsmitglieder standen, Frauenkleidung. Zahlreiche Kinderporträts zeigen sie deshalb in langen Röcken.

Frauengewand mit Mieder, Köln, um 1630-1635

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Damenschuh, Deutschland oder Niederlande (?), 1. Hälfte 17. Jh., Leder, Samt, Seide, Metall

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Wams mit Spitzenbesatz, vermutlich England, um 1660

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Herrenschuh, vermutlich Deutschland, um 1660, Leder

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Knabenrock, Köln, um 1635-1645

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Kinderhäubchen, Deutschland oder Niederlande (?), 1. Hälfte 17. Jh., Seide, Seidenborte

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Kinderschuhe, Deutschland (?), um 1610, Leder

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

5. Die ausgestellten Kostümoberteile entstanden zwischen 1610 und 1670. Welche waren die Herausforderungen, womit Sie sich als Kurator auseinandergesetzt haben?

Die Kostümteile sind extrem fragil und gefährdet. Schwarz gefärbte Stoffe beispielsweise unterliegen einem Verfallsprozess, der nicht aufgehalten werden kann. Sie „bröseln“. Außerdem sind Textilien sehr lichtempfindlich. Für die Exponate mussten passende Vitrinen angeschafft werden, die Lichtstärke in der Ausstellung darf 50 Lux nicht überschreiten. Daher werden bevorzugt dunkle Hintergründe eingesetzt, die bei der schwachen Beleuchtung die Exponate am besten zur Geltung kommen lassen. Es ist darauf zu achten, dass die Ausstellung so gut vorbereitet ist, dass man die Textilien bei der Installation möglichst wenig bewegen muss, um Erschütterungen zu vermeiden.

Wichtig für mich als Kurator war, dass die Kostümteile auf jeden Fall im Mittelpunkt der Ausstellung stehen. Um zu zeigen, wie die Kleidungsstücke damals getragen wurden, habe ich sie mit Gemälden und Graphiken kombiniert. Auf den Porträts oder Genreszenen ist zu sehen, was sich im Original nicht erhalten hat: Große Halskrausen aus Leinen, Hosen, Kopfbedeckungen. Hier ist es, nach einiger Überzeugungsarbeit gelungen, zahlreiche Leihgeber zu bewegen, auch Gemälde bedeutender Maler wie Thomas de Keyser oder Gerard ter Borch auszuleihen. Normalerweise wird Kunsthandwerk, zu dem ja auch die Textilien zählen, immer ein bisschen minderwertiger behandelt als die „hohe“ Kunst der Malerei oder Graphik. Gerne stellt man in eine Gemäldeausstellung ein paar kunsthandwerkliche Objekte der Zeit, um etwas mehr „Atmosphäre“ zu erhalten. Aber die Kostüme in Hessischen Landesmuseum Darmstadt sind extrem selten und wertvoll und ich wollte deshalb den Spieß umdrehen und nun einmal die Gemälde zur Illustration dieser großartigen Objekte nutzen.

Wams mit Zierknöpfen (Detail), vermutlich Köln, um 1630-1635

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

6. Was setzt die Restaurierung solcher Kleidungsstücke voraus?

Textilrestaurierung und insbesondere die Restaurierung von Kostümen ist absolute Spezialistenarbeit. Es gibt nicht viele Restauratoren, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. Wir hatten das Glück, mit der Abegg-Stiftung in Riggisberg/Schweiz eines der führenden Institute für Textilrestaurierung gewinnen zu können, die, aufgrund der herausragenden Bedeutung der erhaltenen Wämser und Mieder, die Konservierung sponsorten. Die fragilen Textilien wurden nicht nur gereinigt, gefestigt und gesichert, sondern auch die Nähte technisch untersucht. Hierzu wurde ein umfangreicher Katalog herausgebracht, der die Arbeiten eindrucksvoll und ausführlich dokumentiert.

Wams mit Spitzenbesatz (Detail), vermutlich England, um 1660

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

7. Vom 15. Juli bis zum 16. Oktober steht dem Publikum ein vielfältiges Rahmenprogramm zur Verfügung. Welche sind die Highlights?

Die Highlights sind:

Mittwoch 27.7.2016, 18.30 Uhr

“Kleider machen Bürger” – Kölner Mode des 17. Jahrhunderts im europäischen Kontext

von Dr. Johannes Pietsch, Bayerisches Nationalmuseum, München

Mittwoch 14.9.2016, 20.15 Uhr

“Mode – gestern und heute”  – Podiumsgespräch

mit Tilmann Prüfer, Style Director ZEIT Magazin, Prof. Dr. Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin, Ludwig-Maximilians-Universität München u. a.

Eintritt: 5 Euro pro Person

Kartenvorverkauf ab 1.9.2016 an der Museumskasse

Mittwoch 5.10.2016, 18.30 Uhr

“Verkehrte Welt” – Androgyne Moden um 1600 und ihre Wahrnehmung

von Dr. Jutta Zander-Seidel, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Kostenfrei, lediglich Sonderausstellungseintritt

Samstag, 17.9.2016, 19.00 Uhr – 1.00 Uhr

“Museumsnacht der Kostüme”

Eine Nacht im Museum – ganz im Zeichen von Mode und Kostümgeschichte.

Das gesamte Programm wird gesondert bekanntgegeben.

Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro

Kartenvorverkauf ab 1.9.2016 an der Museumskasse

8. Um die Ausstellung zu bewerben, hat sich das Hessische Landesmuseum neben den bedruckten Begleitmaterialien auch der Social Media Kanäle bedient (YouTube Trailer, Facebook Teasers usw). Welche waren die Zielgruppen und wie haben diese bis jetzt darauf reagiert?

Parallel zur gedruckten Werbung, konnten wir auch erstmals eine Social Media-Kampagne initiieren. Zur Ankündigung der spektakulären Schau „CHIC! Mode im 17. Jahrhundert“, hat das HLMD gemeinsam mit der Firma bboxxFILME aus Berlin einen 30sekündigen Trailer zur Ausstellung produziert. Dieser wurde gezielt in den Kanälen YouTube, Facebook und Instagram veröffentlicht, um eine junge, modeaffine und handwerklich begeisterte Zielgruppe zu erreichen. Diese haben ihn freudig aufgenommen und sowohl in den Modeblogs weitergepostet als auch in Modeschulen, Restaurierungsmagazinen oder auch in Blogs/ Facebookseiten von Kostümbegeisterten.  Besonders die Art des Spots, die Musik und auch die zeitgemäße Vermittlung von Mode aus dem 17. Jahrhundert kam sehr gut an.

 9. Was wäre Ihre Botschaft an unsere modebegeisterten Leser, die die Ausstellung gerne besichtigen möchten?

Die weltweit einzigartige Sammlung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt vermittelt ein umfassendes Panorama über die Modeentwicklung eines ganzen Jahrhunderts. Keine andere Sammlung kann dies sonst in dieser Qualität und Vollständigkeit aufzeigen. Wer sich also für historische Mode interessiert, der sollte auf jeden Fall die Chance nutzen, diese Ausstellung zu besichtigen. Aufgrund der ausgesprochenen Fragilität der Objekte, die eine permanente Präsentation, ebenso wie eine Ausleihe der Objekte verbietet,  wird sich eine solche Gelegenheit in den nächsten Jahrzehnten nicht wieder ergeben.

Rotviolettes Mieder mit Schlitzmuster (Detail), Köln, um 1625-1635

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Frauenwams mit Schlitzmuster (Detail), Köln, um 1625-1635

© Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Haben wir Dich überzeugt? Der Coutdown läuft! Pack einfach ein und reise nach Darmstadt. Ab dem 15. Juli kannst du die Ausstellung besichtigen.
Plan aber Zeit auch für das umfangreiche Rahmenprogramm ein und lass Dich davon begeistern!
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